Singen - Seinserfahrung und Stärkung der Individualkraft
In diesem und den folgenden Kapiteln soll ein Überblick
gegeben werden, in welcher Weise die Bildung der Stimme - sei es
nun im Sprechen oder im Gesang - nicht nur zu einer Stärkung
der Persönlichkeitskräfte, sondern auch zu einer
intensiveren Seinsbezogenheit beitragen kann.
Das Streben nach Individualität und die immer
größere Ausdifferenzierung unserer Gesellschaft in den
letzten Jahrzehnten geht zunehmend mit einem Verfall der
Individualkräfte einher. Was wir erreicht haben, ist eine
Grenzerweiterung auf fast allen Gebieten des Lebens, so
dass die Vorgaben, was wir zu tun und wie wir zu leben haben,
minimal geworden sind. Gleichzeitig gestaltet die Mehrzahl der
Menschen unseres Kulturkreises die Intimsphäre ihres Lebens
immer weniger selbst, sondern lässt sie sich gestalten.
Dies führt zu einem Verfall der Kreativität, wodurch
wiederum die günstigsten Voraussetzungen für eine
größere Manipulierbarkeit des Individuums gegeben sind.
Eine in unserer Möglichkeitsgesellschaft so dringend
notwendige Stärkung der Individualkraft, die nicht nur das
zweckgerichtete Funktionieren, sondern auch - und vor allem -
das menschliche Sein ins Auge fasst, kann vor allem durch
eine kreative Betätigung gefördert werden.
Voraussetzung ist aber, dass hierbei nicht wiederum die
Technik in den Vordergrund gerückt, sondern eine
Bezogenheit zum Musischen gefördert wird, die die seelischen
Kräfte stärkend anspricht. Auf diese Weise wird der
Mensch angeregt, mit den schöpferischen Kräften, die
wartend in ihm verborgen liegen, in Kontakt zu treten. Die
Entwicklung des kreativen menschlichen Potentials ist sozusagen
ein Atemholen der Seele und und dieses wiederum unabdingbare
Voraussetzung für jede Innovation, deren Fehlen heute in
weiten Kreisen der freien Wirtschaft beklagt wird. Denn das heute
viel benutzte Wort "Innovation" heißt eigentlich:
Erneuerung von innen heraus.
Der Umgang mit der Stimme in diesem Sinne bedeutet, nicht nur
den Sinn für das Erlernbare, das Handwerkliche oder
Technische zu wecken und zu schärfen. Es bedeutet zugleich
eine stets neu erlebbare Übung des Gekonnten, um dem
Empfindungsgehalt der Musik auf immer weiteren Ebenen zu begegnen.
Eine solche Förderung der künstlerischen Kraft aber
setzt immer voraus, dass die Persönlichkeit sich mit
ihrem Tun in ihrem ganzen Sein anrühren lässt
von dem, was ihr aus der Musik verwandelnd und fördernd
begegnen will.
|
Die Stimme aus Sicht der Physiologie, Psychologie und Transzendenz
Unser Körper ist das Instrument, das dem Menschen am
nächsten steht. Der Klang unseres gesamten Körpers
strömt als tönender Atem aus unserem Mund hervor. Es
ist nicht nur unsere Stimme, die klingt. Die menschliche Stimme
ist lediglich vergleichbar den Saiten eines Instrumentes,
während unser gesamter Körper den Resonanzkörper
darstellt, der der Stimme Klang verleiht.
Physiologisch erfasst Singen den ganzen Körper. Es
verursacht über die Tonschwingungen feinste Bewegungen im
Körper. Es intensiviert die Atmung, die Träger
des Tons in die Außenwelt ist. Eine intensivere Atmung aber
fördert die Versorgung des Bluts und seine Entschlackung.
Eine gute Durchblutung fördert den Stoffwechsel und damit
die Versorgung all unserer Organe. Bei rechter Anleitung
fördert Singen neben der Ausbildung des Ohres eine
Verfeinerung der körperlichen Empfindung. Denn das eigene
Singen ist nicht nur zu hören, sondern bei entsprechender
Übung auch im ganzen Körper als Vibration zu
spüren. Diese Vibrationen haben die Wirkung einer
Tiefenmassage feinster Art. Die fortschreitende Feinsinnigkeit
sowohl im Hören als auch im Spüren führt
letztlich zur Entwicklung eines "Innenorgans" unserer
geistig-seelisch-leiblichen Wahrnehmung.
Anfangs ist es höchst unterschiedlich, wie umfassend der
einzelne Mensch die Vibration der eigenen Stimme in seinem
Körper spüren kann. Bei einigen geht sie nur bis zu den
unteren Rippen und erfaßt nicht einmal die Bauchmuskulatur.
Am Ende der Stimmschulung sollte jedoch die Schwingung der Stimme
im ganzen Körper bis in die Fußsohlen hinein
spürbar sein. Diese Vibration ist nicht ein Zeichen der
Feinheit subjektiver Wahrnehmung, sondern auch objektiv
wahrnehmbar. Legt jemand dem Singenden an verschiedenen
Körperstellen die Hände auf, so können beide in
der Regel übereinstimmend spüren, wo der Körper
vom Stimmklang durchdrungen wird bzw. an welchen Stellen die
Resonanz unterbrochen ist.
Ferner ist das Mitschwingen des Körpers nicht nur zu
spüren, sondern auch deutlich zu hören. Verringert oder
vergrößert der Lehrer zur Demonstration bei gleicher
Tonhöhe bewusst die einzelnen Regionen der Vibration,
so kann der Schüler meist recht genau definieren, bis wohin
die Stimme reicht bzw. wo sie den Körper nicht mehr
erfaßt. Dies gilt gleichermaßen für die
Sprech- und die Gesangsstimme.
Das "Hinunterschwingen" der Stimme bis in die tiefsten
Körperregionen gibt dem Stimmklang eine erdige, warme
Fülle und verleiht ihr zur Resonanz der Kopfstimme
eine zusätzliche Tragfähigkeit. Zeigt die Stimme ihre
Präsenz im gesamten Körper, indem sie ihn ganz mit
ihren Schwingungen ergreift, so berührt diese Präsenz
auf eigentümliche Weise auch im Zuhörer andere
Daseinsschichten. Denn ein Stimmklang des ganzen Körpers
wird immer als warm und wohltuend empfunden.
Darüber hinaus zeugt der Klang der Stimme unmittelbar von
unserer Seele. Ist die Seele gut "gestimmt", so wird dies auch
in der Stimme hörbar. Der Mensch drückt darin seine
ganze Gefühlspalette aus. Das Sprechen ist bereits eine
Abstraktionsleistung, während der Klang unserer Stimme
unmittelbar das Innere nach außen tönt. Was in der
Stimme eines Menschen klingt, ist Ausdruck seiner
Persönlichkeit. Das Wort "Person" kann u. a. vom
lateinischen "personare" abgeleitet werden und bedeutet
"hindurchtönen". Je mehr jemand mit sich im reinen ist,
desto klangvoller und ausdrucksstärker ist seine Stimme.
Deshalb können wir an der Stimme eines gut bekannten
Menschen sofort hören, wie es ihm geht.
Das Wort "Person" kann andrerseits auch vom griechischen
"persona" abgeleitet werden, was soviel wie "Rolle" oder
"Maske" bedeutet. Bezeichnenderweise wird in Gesangsschulen auch
gelehrt, wie man in die Maske singen muss.
Entsprechend unserem Zeitalter hat sich bezüglich der
menschlichen Stimme eine vorwiegend mechanistisch-physiologische
Betrachtungsweise durchgesetzt. Physiologisch entsteht Gesang,
indem eine verwirrende Fülle von einander entgegenwirkenden
Muskelbewegung stattfindet. Einen solchen Vorgang rein
physiologisch und technisch erfassen und meistern zu wollen, ist
zum Glück aussichtslos. Dies muss zwangsläufig zu
der Suche nach einer neuen Kristallisationsmöglichkeiten
für den Stimmklang führen. Die Verbindung des bekannten
"persona" und des "personare" ist eine dieser Möglichkeiten.
Jedes einfache Tun setzt das Beherrschen einer gewissen Technik
voraus. Das bisher Gesagte bedeutet also keineswegs, dass
Technik etwa überflüssig wäre. Allein die Tatsache,
dass der Stimmumfang selbst professioneller Sänger auf
etwa zwei Drittel des früheren Stimmumfangs geschrumpft ist,
zeigt aber, dass der Umgang mit einer Technik in einen
ganzheitlichen Zusammenhang gestellt werden muss, der nicht
mehr ausschließlich vom einem kontrollierenden Gebrauchen
der Stimme bestimmt wird.
|
|
Bedeutung des Atems
Auf allen Gebieten wird immer wieder von "ganzheitlichen"
Vorgängen als einem erstrebenswerten Ideal gesprochen. Doch
Ganzheitlichkeit ist ein hoher Anspruch. Z. B. ist ein rein
physiologisches Zusammenspiel vieler Muskelgruppen, das durch eine
atemgymnastische Funktionsvorstellung bewirkt wird, noch keine
Ganzheit. Denn es fehlt noch die Beziehung zur seelischen und
geistigen Seite dieses ganzen Vorgangs.
Auch beim Atem wird heute oftmals die Technik in den Vordergrund
gestellt. Unser Atem ist aber stärker mit geistig-seelischen
Prozessen als mit physiologischen Bedürfnissen verbunden.
Dies wird deutlich, wenn wir die drei Grundfarben kontraktiver
Emotionen betrachten: Soweit diese Emotionen nicht
verdrängt werden, verringert Angst die Atemintensität,
während Kummer den Einatem und Zorn den Ausatem
verstärkt.
Wäre Atmung eine rein physiologische Angelegenheit, so
wäre sie allein abhängig von unserem körperlichen
Bedarf nach Aufnahme von Sauerstoff und Abgabe von Kohlendioxyd.
Dies ist aber nicht der Fall, sondern der Atem räumt der
geistig-seelischen Komponente eine Vorrangstellung vor den
körperlichen Bedürfnissen ein. Unsere Atmung ist
deshalb nicht nur Ausdruck unseres Körpers, sondern auch
unserer gesamten geistig-seelischen-leiblichen Konstitution.
Seit altersher wird der Atmung auch numinose bzw.
transzendierende Wirkung zugeschrieben. "Gott blies ihm seinen
lebendigen Odem ein. Und also ward der Mensch eine lebendige
Seele." So beschreibt der Schöpfungsmythos der Bibel die
Erschaffung des Menschen. Im Buddhismus ist die Betrachtung des
Atems Teil des Weges der Achtsamkeit zur Läuterung des
Menschen. In Indien steht das "Prana" für Atmung und
Lebensenergie.
Man kann sich deshalb beim Singen zu Recht vorstellen, nicht nur
mit Luft, sondern mit Lebensenergie zu singen. Wenn wir unseren
Einatem so erleben, dass er nicht einfach aus einem aktiven
Hereinholen von Luft besteht, sondern aus einer Öffnung
für das Geschenk von Lebenskraft, haben wir die erste
Bedingung zu einer guten Haltung und Einstellung beim Singen
geschaffen. Das Einatmen wird dann zu einem Aufatmen. Allein
dieser kleine Unterschied schafft bereits grundverschiedene
Voraussetzungen für die Vorbereitung des anschließend
ertönenden Klangstroms. Auch werden wir uns
vergegenwärtigen, dass all unser Tun gar nicht so
bedeutungsvoll für den Lauf unseres Lebens ist wie das
Öffnen und Hereinlassen, von dem, was bis zu uns hin da ist.
Am Ausatmen mag uns dann auch klar werden, dass es sich um
ein Hergeben von dem handelt, was uns bereits gedient hat und in
der Großen Natur weiter dienen wird. Es ist leicht
nachvollziehbar, dass eine solche Haltung nicht nur unserem
Singen, sondern auch unserer Persönlichkeit förderlich
ist.
|
|
Atemstütze
Über die Atemstütze gibt es zahlreiche Definitionen.
Wir wollen sie hier verstehen als eine bewusste
Verlangsamung der Ausatmung, die durch Muskelkontrolle erreicht
wird, indem ein Spannungsverhältnis zwischen den an der
Einatmung bzw. Ausatmung beteiligten Muskeln hergestellt wird.
Zudem entsteht eine reflektorische Verbindung zum Kehlkopf.
Während beim ungeschulten Sänger der Kehlkopf bei hohen
Tönen nach oben steigt, lernt der Schüler der
Stimmbildung, diese Bewegung vor allem durch die Art seiner
Atmung zu verringern oder sogar umzukehren. Überhaupt wird
es oberstes Ziel sein, jede Regung im Hals einschließlich
des Kehlkopfs ausschließlich reflektorisch entstehen zu
lassen, aber niemals dort zu initiieren nach dem Motto:
Der Sänger hat keinen Hals.
Je nach Gesanglehrer lernt man eine von zwei bekannten
Atmestützen: Man unterscheidet die Thoraxstütze, bei
der der Brustkorb während des Ausatmens und Singens in einer
inspiratorischen Stellung gehalten wird und die
Zwerchfellstütze (Zwerchfell = Diaphragma), bei der das
Spannungsverhältnis zwischen Ein- und Ausatemmuskulatur
durch eine Spannung der Bauchwandmuskulatur hergestellt wird.
Durch die Beteiligung der hinteren Bauchwandmuskulatur besteht
die Gefahr einer mit der Zeit dauerhaft werdenden Verspannung
der Rückenmuskulatur im Lendenwirbelbereich, die der
Resonanzfähigkeit des Körpers in seiner Gesamtheit
abträglich ist. Durch die Thoraxstütze hingegen wird
der Schwerpunkt des Menschen nach oben verlagert. Besonders dem
Anfänger wird es schwer fallen, gleichzeitig im Becken noch
eine Spannkraft zu haben. Die Klangfülle, die aus dem
Mitschwingen des gesamten Körpers entsteht, ist - anfangs -
auf diese Weise jedenfalls nicht zu erreichen.
Beide Arten der Atemstütze führen deshalb dazu, sich
zur Verbesserung der Tragfähigkeit der Stimme vor allem auf
eine gute Entwicklung der Kopfresonanz zu verlassen. Beide Arten
verführen aber auch dazu, Stimmproblemen mit einer
verstärkten Stauung durch eine Vielzahl von
Zusammenschlüssen muskulärer Kraft zu begegnen. Wie bei
einer Autobremse, deren langsames Nachlassen man beim
täglichen Fahren durch Gewöhnung und Langsamkeit der
Veränderung nicht bemerkt, so wird auf diese Weise eine
Dysfunktion häufig erst zu spät bemerkt.
Vernachlässigt man hingegen jede dieser bekannten
Atemstützen, so gibt es noch eine dritte Möglichkeit:
Das in Japan bekannte Hara, das nicht nur in asiatischen
Kampfkünsten, sondern auch im Alltag seit Jahrhunderten bis
heute eine bewusste oder - aufgrund von Tradition -
eingefleischte Rolle spielt. Der Einsatz des Hara, der im
nächsten Kapitel kurz erläutert wird, bewirkt eine
Spannkraft in der Beckenbodenmuskulatur, von der der in diesem
Zusammenhang wichtigste Teil als Diaphragma pelvis bezeichnet
wird. Die Bezeichnung sowohl dieses Bereichs als auch des
Zwerchfells mit dem Begriff "Diaphragma" (= gr. Scheidewand) ist
nicht zufällig. Denn zwischen beiden besteht eine
reflektorische Verbindung ebenso wie zwischen Zwerchfell und
Kehlkopf und dem Kehlkopf und der Mundbodenmuskulatur.
Allgemein kann man sagen: Je tiefer die zum Singen erforderliche
Spannkraft und Stütze im Körper erzeugt wird, desto
mehr werden diejenigen Bedingungen erzeugt, die den ganzen
Körper als "Gesangsinstrument" zur Geltung kommen lassen und
das Ertönen von Klang mit gleicher oder besserer Wirkung der
Weisheit des Körpers überlassen, indem man das, was man
zuvor zu erzeugen sucht, nun den reflektorischen Wirkungen
überlässt, die dann entstehen, wenn man sie
lässt und nicht unmittelbar an ihnen arbeitet.
|
|
Die Spannkraft des Körpers
Am unmittelbarsten sind am Sprechen und Singen Ohr, Kehlkopf und
Respirationsorgane sowie für das Textliche unsere
Artikulationsorgane (Zunge, Lippen, Kiefer, Gaumen etc.)
beteiligt. In Wahrheit aber klingt unser ganzer Organismus. Wir
kennen als Resonanzräume die Lungen und den Pharynx mit
seinen verschiedenen Räumen. Diese sind - wie bereits
ausgeführt - jedoch nicht allein verantwortlich für die
physischen Bedingungen unseres Stimmklangs. Resonanzleitung
erfolgt durch das gesamte Knochengerüst. Nicht nur die
Knochen werden jedoch zu einer Vibration gebracht, sondern die
gesamte Mukulatur kann in Schwingung versetzt werden. Eine kleine
Lösung in der Bauch-, Rücken-, Halsmukulatur etc. kann
den gesamten Stimmklang befreiend verändern. Ebenso bringt
die bewusste Erzeugung von mehr Spannkraft in einer zu
gelösten bzw. schlaffen Körperregion mehr Strahlkraft
in die Stimme. Jede körperliche Verspannung hingegen bewirkt
einerseits eine Hemmung der Resonanz und schränkt die
Klangfülle ein, andrerseits wirkt sie sich auf die gesamte
Atmung aus. Schlimmstenfalls entsteht dadurch eine
gepresste, "tonlose" Stimme.
Da sich in unserem Körper Materie, Gefühle und Gedanken
zum leibhaften Ausdruck durchdringen, ist jede Verspannung mehr
als bloss eine körperliche Verkrampfung. Dies
weiß jeder, der nach einem Tag voller Stress einmal
Schulterschmerzen oder Rückenbeschwerden verspürt hat.
Werden solche Verspannungen nicht gelöst, graben sie sich in
die Persönlichkeit ein und hinterlassen ihre Spuren im
Stimmklang. Ebenso darf die Entspannung oder Herstellung von mehr
Spannkraft in Muskelbereichen nicht nur physiologisch gesehen
werden. Wenn sie auf die rechte Weise geschieht, wirkt sie
gleichzeitig im Geistig-Seelischen entsprechend.
Bei Menschen, die ihre Stimme nicht mögen oder die
Stimmprobleme haben, "sitzt" die Stimme körperlich meist zu
weit oben. Mit "Stimmsitz" ist in diesem Fall nicht der Ort im
Kopf gemeint, um den Sänger stets bemüht sind, sondern
das "Hinunterreichen" der Stimme in Bezug auf die Vibration im
Körper, das den Eindruck von Fülle und Präsenz
selbst dann verleiht, wenn der Stimmklang leise und sanft oder
von hoher Tonlage ist. Selbst die Falsettstimme des Mannes oder
die Pfeifstimme der Frau kann bei jedem Ton den ganzen
Körper als Instrument nutzen. Stimmprobleme oder ein
Nicht mögen der eigenen Stimme bedeutet über die
physiologische Einschränkung hinaus immer auch eine
Einschränkung der ganz persönlichen
Ausdrucksfähigkeit. Ein sensibler Stimmbildner wird den
Erfolg seiner.Arbeit deshalb auch in einer größeren
Freude im stimmlichen Ausdruck des Schülers erkennen, ohne
dass er unmittelbar psychotherapeutisch gearbeitet hat. Bei
guter Stimmbildung, die den ganzen Körper als Instrument
einbezieht, kann ein psychologisch befreiender Effekt sozusagen
reflektorisch als Nebenwirkung eintreten.
In dem Maße, wie es gelingt, den eigenen Körper vom
Klang ganz durchdringen zu lassen, in demselben Maße
erscheint der Ton schön. Dies ist dann der Fall, wenn der
Körper den Ton einerseits nicht durch einen Zustand der
Überspannung am Hinausströmen, Hindurchtönen
(personare) hindert, andrerseits aber den rechten Tonus, die
rechte Spannkraft zeigt und so dem Klangstrom zu Form und
Gefäss wird. Die rechte Spannkraft zu haben bedeutet,
von Erschlaffung und Überspannung etwa gleich weit entfernt
zu sein. Dies wird zu Beginn des Stimmbildungsunterrichts eine
stets zu erneuernde und zu verfeinernde Übung sein.
Betrachten wir den Ablauf des Singens einmal genau, so
können wir fest stellen, dass es nicht unsere
physiologische Stimme ist, die einen Ton erzeugt. Vielmehr ist
es eine geistig-seelische Vorstellung, die den Ton auf der
Grundlage unserer körperlichen Gegebenheiten erzeugt.
Würde allein unser Körper den Ton erzeugen, wäre
auch der Ton nur physischer Natur und würde kaum eine
Wirkung auf die Seele und den menschlichen Geist entfalten
können.<
Komponisten fielen ihre Kompositionen meist ein, bevor sie sie
notierten. D. h., sie hörten innerlich die Musik und
notierten sie anschließend. Hinzu kam u. U. dann noch eine
genauere Ausarbeitung des zuvor innerlich Gehörten.
Ähnlich ist der Vorgang beim Singen. Wir haben zunächst eine
Idee vom Ton, den wir singen werden. Wir hören innerlich die
Tonhöhe, um sie dann zum Ausdruck zu bringen. Geschulte
Sänger haben zusätzlich eine genaue Vorstellung vom
Klang, von der Lautstärke, Dynamik und der Beseeltheit des
Tons, bevor er hörbar wird. Für diejenigen, die vom
Blatt singen können, gilt dasselbe für das Singen von
Intervallen und schließlich von Melodiebögen. Zuerst
haben wir die Idee, die Vorstellung, das innere Hören davon,
wie wir etwas zum Ausdruck bringen wollen oder sollen. Dies alles
passiert in unserer geistig-seelischen Vorstellungskraft, bevor
wir uns hörbar ausdrücken. Das heißt, wir
drücken unsere geistig-seelische Vorstellung nun
körperlich-sinnlich aus. Wir materialisieren hörbar und
spürbar eine Idee. Diese Idee mag vom Komponisten auf
gewisse Weise vorgegeben sein. Doch die differenzierte
Ausbildung dieser Idee geschieht mehr oder weniger bewusst
wie durch einen weiteren Filter, nämlich den unseres Wesens,
unserer Persönlichkeit und des Facettenreichtums unserer
Vorstellungskraft.
Wäre unsere Stimme nur ein körperlicher Gegenstand,
dann wäre es logisch, sie auch nur von außen her zu
bilden und zu formen. Ist sie aber auch ein Produkt unseres
Geistes und unserer Seele, so muss man die Bedingungen
herstellen, unter denen der immaterielle Vorgang des Sprechens
oder Singens sich sinnlich offenbaren kann. Dann wird man danach
trachten, das in sich tönende Instrument bereits als etwas
noch Unkörperliches zu erfühlen und so auf mehreren
Seinsebenen wahrzunehmen.
Andrerseits muss der seinem Wesen nach immaterielle Ton
sozusagen zwischen Himmel und Erde eingespannt sein, wenn er
hinter dem Vorhang seiner immateriellen Ursprungsqualität
auf der Bühne des Lebens hervortreten soll. Das heißt,
er braucht eine ausreichende Verwurzelung und Erdgebundenheit,
um Substanz und Kraft zu bekommen. Der Ton muss sozusagen
wie ein Luftballon befestigt werden, damit er sich nicht
vorzeitig verflüchtigt. Körperlich finden wir die
Stelle der Verwurzelung im Becken, genauer gesagt, in der Mitte
des Menschen, die der Japaner Hara nennt.
Das Hara finden wir etwa 2 cm unterhalb des Bauchnabels, und zwar
an der Stelle, die reflexartig nach außen springt, wenn wir
husten. Beim Husten wird ein Atemstrom von ca. 120 km/h erzeugt,
der zunächst als Druck auf unseren Kehlkopf wirkt, bevor wir
ihn freigeben. Dies mag ein Hinweis auf die Kraft sein, zu der
dieser Körperbereich fähig ist. Geben wir hier
während des Singens Kraft in das Hara, so verhindern wir,
dass wir in anderen Bereichen in eine Überspannung
kommen und so unserer Stimme auf Dauer schaden. Der Sitz der
Kopfstimme einerseits und die Spannkraft im Hara andrerseits
kommen dann zu einem Zusammenspiel, das nicht nur geeignet ist,
den Stimmumfang zu erweitern, sondern auch den ganzen Menschen
natürlich aufrichtet und in die ihm gemäße Kraft
kommen lässt.
Da die stärkste Spannkraft beim westlichen Menschen meist
in oberen Körperregionen - vor allem der Schulterpartie -
angesiedelt ist, mag es zunächst ungewohnt erscheinen, diese
Spannkraft mehr zum Mittelpunkt hin zu verlagern. Denn sie
bedeutet zugleich ein Loslassen im oberen Bereich. Andrerseits
ist es weit verbreitet, hinten anzuspannen. Zum Zwecke des
statischen Ausgleichs werden dann Ausgleichsspannungen erzeugt,
die sich vor allem im Lendenwirbel- und Nackenbereich befinden
und dem Singen und Sprechen wenig dienlich sind. Soll der ganze
Körper für den Ton durchdringlich gestaltet werden, ist
auf ein Stehen mit gelockerten Knien zu achten. Nur ein
Körper, der eine Statik einnimmt, die aus der Mitte heraus
frei schwingen kann, ohne das Gleichgewicht zu verlieren, kann
auch mit dem Ton frei schwingen.
|
|
Stimmbildung und Persönlichkeit
Stimmbildung ist damit weit mehr, als heute in der Mehrzahl der
Schulen unterrichtet wird. Soll es sich um mehr als Technik
handeln, muss nicht nur der ganze Leib als Instrument
einbezogen, sondern die Stimme auch in ihrer
selbst-therapeutischen und geistigen Wirkung
berücksichtigt werden. In Klöstern, in denen man dem
Schweigen verpflichtet war, wurde gesungen! Man wusste,
dass ein mangelnder Gebrauch der Stimme sich
schwächend auf die menschliche Vitalkraft auswirkt.
Auch wer ansonsten keineswegs daran denken würde,
Organfunktionen und Krankheitssymptome mit Ursachen in der Seele
in Verbindung zu bringen, macht bei der Stimme eine Ausnahme.
Für den, der hinhört, zeigt sie sofort, wenn etwas
nicht stimmt. Die Stimme drückt unsere jeweilige Stimmung
aus und lässt darunter sogar den Pegel der
Grundstimmung erkennen. Der Tonus der Stimme zeigt, über
welche persönliche Spannkraft ein Mensch verfügt.
Niemand wird z. B. eine Stimme mit geringer Indifferenz einer
emotionalen Persönlichkeit zuordnen.
Leib und Stimme sind mehr als nur physischer Natur. Sind sie
aber auch Ausdruck unserer geistig-seelischen Existenz, so
muss Stimmbildung immer auch eine entsprechende Schulung
des ganzen Menschen sein. Die Stimme ist ein Tor für das
Hindurchtönen von Seinserfahrung aus einer Tiefendimension,
für die viele Menschen heute wieder heranreifen. Neben der
Vielfalt heutiger esoterischer Angebote kann Stimmbildung als
eine seriös erfahrbare Methode verstanden werden, die wieder
Zugang zu dem findet, was der Musik seit altersher innewohnt.
|