Wesentlich werden
Nicht das vielfältige Wissen gewährt Befriedigung, sondern das innere Spüren und Verkosten der Dinge.
Ignatius von Loyola
Man kann an verschiedenen Aspekten betrachten, was es bedeutet, wesentlich zu
werden. Alle gehören jedoch zusammen, wenn wir mit unserem Wesen in Kontakt
sind:
Gefühle:
Sie sind wie ein Pferd, das uns irgendwohin trägt. Die Frage ist, ob ich das Pferd
reite, oder ob es selber die Richtung bestimmt. Habe ich ein Gefühl oder hat das
Gefühl mich? Gefühle führen uns nicht nur in einen bestimmten Zustand, sondern
geben auch unseren Gedanken, Äußerungen und Unternehmungen eine bestimmte
Richtung und Qualität. Bei Gefühlen ist es deshalb wichtig, darauf zu achten, wohin es führt, wenn
wir ihnen nachgeben und bei der Entscheidung darüber unserer inneren Stimme folgen.
Gedanken
Sie tauchen ohne unser bewusstes Zutun auf und beschäftigen uns. Habe ich den Gedanken oder hat
er mich? Kann ich selbst entscheiden, ob ich einen auftauchenden Gedanken weiterdenke oder hält
er mich gefangen? Besitze ich den Gedanken oder ergreift er Besitz von mir?
Standpunkte
Nimmt man einen Standpunkt über lange Zeit ein, so entwickelt sich daraus eine Haltung, die einem
oft nicht mehr bewusst ist. Die Ergebnisse unserer Standpunkte und Haltungen begegnen uns dann
wieder in der Außenwelt, ohne dass uns dies bewusst wird. Unbewusst gewordene Standpunkte
werden häufig Zwangspunkte, zu deren Gefangenem wir dann werden. Habe ich einen Standpunkt
oder hat er mich? Sind meine Standpunkte und Haltungen von außen bestimmt oder vertraue ich
mich meiner inneren Führung an?
Entscheidungen
Sie sind eng mit dem Denken und unserer Ansicht über die Welt verbunden. Je weniger wir an den
freien Willen des Menschen glauben, desto mehr sind wir von unserer Unfähigkeit überzeugt, ein
selbst bestimmtes Leben führen zu können. Wir verlieren dann die Macht über unser eigenes Leben
und lassen uns vom Willen anderer oder von vermeintlichen Notwendigkeiten bestimmen. Was sind
meine Glaubenssätze? Treffe ich meine Entscheidungen notgedrungen aus einem Gefühl von Enge
heraus, weil ich mich von außen dazu gedrängt fühle, oder kommen meine Entscheidungen aus
einem Gefühl von Weite und von innen her?
Wahrnehmung
Sie betrifft unsere innere Aufnahmebereitschaft und unsere Fähigkeit zu empfangen, erfüllt zu
werden und zu erfühlen. Empfänglichkeit ist die Voraussetzung, etwas auch erspüren zu können.
Denn Wahrnehmen ist nicht nur mental und unterscheidet sich vom Konsumieren von Eindrücken.
Wollen wir etwas wirklich wahrnehmen, müssen wir uns innerlich leer machen und zur Ruhe
kommen. Hierzu müssen wir die alles kommentierenden und bewertenden Gedanken, die so gerne in
uns schnattern, einmal beiseite lassen. Nehmen wir innerlich ganz Kontakt mit dem
Wahrgenommenen auf, so verleiht uns dies eine große Präsenz.
Seinsfühlung
Unser Ich neigt dazu, sich nur mit dem Bewusstsein zu identifizieren und alles, was dem Ich
unbewusst ist, als von außen kommend zu erleben. Unser gesamtes Menschsein ist jedoch weit
größer als das relativ kleine Gebiet unseres Bewusstseins. Wollen wir unser eigentliches, gesamtes
Sein erspüren, so müssen wir das diskursive Denken1) erst einmal zur Ruhe kommen lassen und
innerlich still werden. Wenn wir dies immer wieder üben, ermöglicht es uns eine innere Orientierung,
die Bert Brecht einmal beschrieben hat:
Geh ich zeitig in die Leere,
Komm ich aus der Leere voll.
Wenn ich mit dem Nichts verkehre,
Weiß ich wieder, was ich soll.
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1) diskursiv = schlussfolgernd von den Teilen bis zum Ganzen fortschreitend
© Hartmut Rademacher · Heilpraktiker· Hölderlinweg 79 A · 73728 Esslingen
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